Corpus Delicti [Rezension]

 


"Ja, ich kann mich umbringen. Nur, wenn ich mich auch für den Tod entscheiden kann, besitzt die Entscheidung zugunsten des Lebens einen Wert
 



Titel: Corpus Delicti. Ein Prozess
Autor: Juli Zeh
Verlag: btb
Seiten: 272
Erscheinungsjahr: 2013 (2009)
ISBN: 978-3-442-74525-8
Genre: Dystopie, Kritische Unterhaltung
Art: flexibler Einband

 

"Gesundheit ist ein Zustand des vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens - und nicht die bloße Abwesenheit von Krankenheit


"Draußen verwässert erstes Morgenlicht das satte Nachtschwarz des Himmels. Es ist der Moment, in dem Gestern zu Morgen wird und es für eine kurze Zeit kein Heute gibt." 




Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss. Zur Last gelegt wird ihr ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht dies aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden.


"Das Leben ist ein Angebot, das man auch ablehnen kann.

 




Liebe Leser*innen, lest das Buch so bald wie möglich, wenn ihr es lesen wollt, denn es ist erfrischend aktuell, bzw. lässt sich hervorragend auf das aktuelle Zeitgeschehen beziehen. Und man muss anmerken, dass es schon vor der Corona-Pandemie veröffentlicht wurde. Daran sieht man besonders gut, dass das Ausmaß von Corona in der Gesellschaft zwar außergewöhnlich ist, aber nicht die Fragen, die Krankheit und Gesundheit als Werte einer Kultur und/oder Gesellschaft mit sich bringen.

Das Buch eignet sich auch hervorragend als Schullektüre in der Oberstufe. Auffällig sind viele Parallelen, ob in Handlungselementen, World Building oder der übertragen Atmosphäre, die an 1984 erinnern. Aber die Sprache hat mir hier besser gefallen, weil Julie Zeh sich sehr präzise ausdrückt und dennoch nicht an Bildern spart, wie man an den Zitaten hier erkennt. 
Ich würde das Buch aber gern ein weiteres Mal lesen, da ich wahrscheinlich nicht alles richtig verinnerlicht habe. Das Buch zu lesen, ohne darüber zu diskutieren oder sich weiter mit den Inhalten auseinanderzusetzen, ist auf jeden Fall verschenkte Lesezeit, würde ich sagen, denn viel Vergnügliches zum Festhalten gibt es nicht.
Ich würde mich sehr über eine Verfilmung freuen, habe aber gesehen, dass es schon Theaterproduktionen gibt. 






"Die Nacht wurde erfunden, damit wir uns Stück für Stück an die Dunkelheit gewöhnen. Der Schlaf wurde erfunden, damit wir uns Nacht für Nacht an den Tod gewöhnen."


 



Höchst brisant und zeitgemäß. Gruselig. 1984 neu verföhnt!

 

"Und der Verstand ist eine Illusion (...) Nichts weiter als ein Kostüm, in das der Mensch die Summe seiner Gefühle steckt."









"Das Leben beginnt nun einmal auf der Höhe seiner Kraft, um sich von diesem Punkt aus, immer abwärts führend, seinem Ende zu nähern. Ein grober dramaturgischer Fehler.











"»Das ist meine Art, an der Verliebtheit zu arbeiten«, sagte Moritz. »Man könnte auch Plastikrosen kaufen, ein staatlich geprüftes Parfüm oder schokoladefreie Pralinen. Nur dass ihr das nicht gefallen würde. Ich bringe einen Strauß Parolen zum Rendezvous, den Duft der Freiheit und die Süße der Revolution.«

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