So weit die Störche ziehen [Rezension]

 


"Nie zuvor war ihr der Himmel so hoch, das Licht so prächtig, die Ferne so rätselhaft erschienen. Und nie zuvor hatte sie den Störchen mit solcher Melancholie nachgeblickt" 




Titel: So weit die Störche ziehen
Autor: Theresia Graw
Verlag: Ullstein
Seiten: 640
Erscheinungsjahr: 2020
Übersetzung: Aus dem Englischen von Marion Herbert
ISBN: 978-3-548-06252-5
Genre: Historienroman
Art: broschierter Einband

"Mal ehrlich, was ist das Leben ohne Risiko? Zum Sterben langweilig. Finden Sie das nicht auch, Dora?
(S.167) 



Wir befinden uns im Jahre 1939 in Ostpreußen auf dem Anwesen der Twardys. Dora (16) ist ein unbedarftes, keckes junges Mädchen, das sich am liebsten auf dem Rücken der Pferde aufhält und vor Verehrern kaum retten kann.
Sie selbst hat auch jemand ganz bestimmtes vor Augen: Wilhelm von Lengendorf, den besten Freund ihres großen Bruders Hans. Und tatsächlich kommt es 1940 zu ihrer Verlobung, kurz bevor Wilhelm genauso wie Hans eingezogen wird. Bald trifft es auch den Vater Twardy.
Dora wird zu ihrem verwitweten Onkel nach Königsberg geschickt, um sich um die Kinder zu kümmern und lernt dort in einer Boutique den Kriegsfotografen Curt kennen und ist von dessen charmanter Art heimlich eingenommen, wartet aber immer noch sehnsüchtig auf das Ende des Krieges, das ihr die Ehe mit Wilhelm bringen soll. Und dieses Ende, so denkt sich Dora, wird doch wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen?
Nichtsahnend, was das Schicksal für sie und ihre Nation noch alles bereithalten wird, schwelgt Dora noch immer in ihren Kleinmädchen-Träumereien, die von schönen Kleidern, Liebesbriefen und Zukunftsplänen handeln. Doch bald schon wird ihr der Tod kein Fremder mehr sein, genauso wie Hunger, Kälte und Krankheit.

"Gestern habe ich 24 Flöhe in meinem Hemd gefangen, heute waren es nur 19. Es werden also weniger. Da geht es den Flöhen wie uns.
(S.254) 



Ich habe das Buch mit großer Vorfreude in die Hand genommen und angefangen zu lesen, geriet aber direkt auf der ersten Seite ins Stocken: Der Schreibstil war ziemlich simpel und es ging um Nichtigkeiten. Auf der Rückseite wird der Roman mit Vom Winde verweht verglichen und ich hatte ein mulmiges Gefühl, ob das gut gehen kann. Dies sollte ein bedeutender Historienroman über den zweiten Weltkrieg werden? Die ersten Seiten, in denen es nur um Damengarderobe und ein neues Pferd auf dem Hof der Protagonistin geht, haben mich skeptisch gemacht.

Nun gut, ich las also Seite um Seite weiter und lernte die Protagonistin, die ganz genau weiß, was sie will, besser kennen. Sie ist unheimlich stark und auch wenn sie zu Anfang etwas verwöhnt wirkt, ist sie keineswegs nervig, sondern ein angenehmes Medium, um diese Welt in Ostpreußen zu erkunden. 

Tja, und so langsam hab ich da auch schon den detailverliebten Schreibstil der Autorin zu schätzen gelernt. Wenn ich oben schreibe, dass er simpel ist, meine ich nicht, dass er oberflächlich und sprachfaul ist, sondern dass er auf Ausschmückungen verzichtet. Positiv ist mir aber auch aufgefallen, dass er an die sprechenden Personen und ganz besonders an die Zeit angepasst wurde. Und ganz wichtig: Er hat es geschafft, dass das Fass zu brodeln anfing: Man kennt die Geschichte ja und dass das friedliche Leben in Ostpreußen von 1939 so nicht weiter gehen konnte, lag auf der ersten Seite auf der Hand.

Die Spannung und das Warten haben sich ausgezahlt: Nach einem guten Viertel des Buches jagte ein geschichtsträchtiges Ereignis das nächste und wurde glaubwürdig mit Doras Leben verwoben. Nicht selten saß ich entsetzt da, legte das Buch weg und konnte kaum glauben, was da gerade passiert war. Die Autorin nimmt wirklich kein Batt vor den Mund und beschönigt die Ereignisse nicht. 
Wer dieses Buch zur Hand nimmt, sollte deswegen nicht all zu empfindlich sein. Mich hat die Geschichte auf jeden Fall berührt und sie hat auch mein Interesse geweckt, mich noch mehr mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Sonst liest man Geschichten über den zweiten Weltkrieg oft aus der Perspektive jüdischer Familien oder welcher aus dem Westen. Hier mal eine ganz andere, schicksalsträchtige Perspektive.

Es hat auch Spaß gemacht, die vielen kleinen Details, die Fetzen, die einem die Atorin zuwirft, wirken zu lassen. Z.B wie Königsberg zu dieser Zeit ausgesehen hat oder was es so zu essen gab.
Besonders auffällig war die Affinität für Blumen. Man lernt einige botanische Arten mit Namen kennen und ich kann nur empfehlen, unbekannte Arten sogleich zu googeln. Das steigert das Leseerlebnis.
Weswegen ziehe ich einen Catookie ab? Eben wegen dem schwierigen Anfang und weil es hin und wieder aufgesetzt wirkte, wie die Autorin historische Fakten in die Geschichte eingebunden hat. Als sollte es ein Lehrbuch sein... Letztendlich bin ich aber dankbar dafür, weil ich tatsächlich noch viel gelernt habe. Ich kann das Buch auch jüngeren Lesern, die in das Genre erst einsteigen, empfehlen. Zu jung solltet ihr aber auch nicht sein, weil es auch manchmal hart zu lesen ist, was den Menschen und Tieren widerfährt.

Und die Liebesgeschichte? Kann sie sich mit Vom Winder Verweht messen? Also erst einmal spielen mehrere Liebesgeschichten eine Rolle. Und zum anderen wurde sie nicht absolut in den Vordergrund gedrängt. Die Parallelen zu dem großen Klassiker liegen tatsächlich auf der Hand. Krieg, große Umbrüche und Kriesen und zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind. Aber was das angeht, würde ich sagen, dass dieses Buch weniger episch und dafür realitätsnaher ist.


Sing Sing Sing ~ Benny Goodman
Horst-Wessel-Lied
Willy Fritsch
Heinz Rühmann
Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern ~ Schuricke-Terzett
Zara Leander


"Viel interessanter ist es doch, das Ungewöhnliche zu zeigen. Den ganz besonderen Moment. Genau den möchte ich auf meinen Bildern einfangen, den entscheidenden Augenblick, der eine ganze Geschichte erzählt.
(S.164) 


Ganz schön aufwühlend. Als wäre man wirklich dabei!


"Das war das Leben der schönen stolzen Gutstochter Dora Twardy an einem frühen Februartag 1945. Ein Leben, in dem nur ein Zufall, der Daumen eines russischen Soldaten, ein Windhauch, nur ein paar Meter weiter rechts oder links darüber entschieden, wo es endete und wo der Tod begann.
(S.535)





"Wir haben einander gefragt, wieso sollten wir Feinde sein und einander bekämpfen? Man begreift des Sinn des Krieges nicht, wenn man so friedlich zusammensitzt.
(S.142)



"Wie soll es je Frieden in einer Welt geben, in der Mitleid mit dem Tod bestraft wird
(S 574)

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"Ein alter Mann hatte sich aufgegeben, saß mit leerem Gesichtsausdruck und verbrannten Kleidern neben einem Berg von rauchendem Schutt und schien nichts mehr von diesem Leben zu erwarten. Nicht einmal mehr den Tod.
(S.456)

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"Ist ein Feind kein Mensch? Ich habe getötet, weil es die Aufgabe eines Soldaten ist zu töten. Ja. So ist das nun mal. Soldaten sind Mörder. Und ich bin einer von ihnen. Ich trage Schuld. Ich habe gesehen, wie Menschen starben, wie Häuser brannten und Brücken explodierten, weil ich geschossen habe.
(S.402)

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"Ich habe mir alle Frauen in diesem Saal genau angesehen [...]. Und zu meiner Beruhigung stelle ich fest, dass ich mit der schönsten von allen tanze.
(S.177)

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"Ich habe keine Frau. Und das ist auch besser so. Ich bin kein Mann, den man heiraten sollte.
(S.167)

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"Ich habe selten eine Frau gesehen, der ein Hut so vorzüglich steht wie dieser Ihnen. Und glauben Sie mir, ich habe schon viele Frauen mit Hüten gesehen.
(S.131)

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"Im Februar war die Ostsee komplett zugefroren, man hätte nach Dänemark zu Fuß gehen können.
(S.103)

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"Ach, Mama, das ist doch Unsinn. Keinem einzigen Soldaten geht es besser oder schlechter, nur weil ich heute ein bisschen getanzt habe.
(S.59)


Kommentare

  1. Interessante und schöne Rezension.

    Ich hatte aber ganz schöne Schwierigkeiten, deinen Text zu lesen. Schuld daran ist die Schriftauswahl gepaart mit dem Hintergrund. Das war echt anstrengend für meine Augen.

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    1. Hey,

      danke für deine Rezi, die ist sehr hilfreich. Ich habe das tatsächlich als Großprojekt vor, das Layout zu verändern und den Hintergrund zu neutralisieren. Welche Schriftart würdest du denn empfehlen?

      LG
      Amira

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